Zehn Jahre ohne Gott
Teil 2 von 3: Pantheismus, Bioroboter und die Risse im Weltbild
Nach meinem Kirchenaustritt 2015 war ich nicht wirklich Atheist. Atheismus klang mir zu hart, zu endgültig. Ich nannte mich eher... spirituell. Auf meine Art.
Ich glaubte an etwas. Nur nicht an den Gott der Bibel.
Dies ist Teil 2 einer dreiteiligen Serie über meinen Weg vom Glauben weg – und wieder zurück.
Alles ist Gott
Meine neue Weltanschauung war eine Art Pantheismus. Die Vorstellung, dass Gott in allem ist. Im Baum, im Wind, in mir. Alles ist Gott – oder zumindest Teil von etwas Grösserem. Es klang poetisch. Es fühlte sich befreiend an.
Keine Regeln mehr. Keine Gebote. Keine Institution, die mir sagte, was ich tun oder lassen sollte. Nur ich und das Universum.
Und der Mensch? Der war im Grunde gut. Die Welt war im Grunde gut. Wir mussten nur die Systeme ändern – die Politik, die Wirtschaft, die Machtstrukturen – dann würde alles besser werden.
Das glaubte ich ernsthaft.
Die Sinnfrage
Aber da war ein Problem.
Was ist der Sinn des Lebens? Diese Frage stellte ich mir manchmal, meist spätabends, wenn es still wurde. Und ich hatte keine Antwort.
Man ist halt da. Und dann stirbt man.
Das war meine ehrliche Überzeugung. Einen objektiven Lebenszweck gab es nicht. Man musste sich selbst einen suchen – indem man tat, was einem gefiel. Reisen. Karriere. Erfahrungen sammeln. Spass haben.
Es klang plausibel. Es funktionierte. Meistens.
Bioroboter
Aber manchmal, in stillen Momenten, dachte ich weiter.
Wenn es keinen Gott gibt, keinen höheren Sinn – was bin ich dann eigentlich? Ein Zufallsprodukt der Evolution. Eine Ansammlung von Atomen, die zufällig so angeordnet sind, dass sie denken können. Ein Bioroboter, gesteuert von chemischen Reaktionen im Gehirn.
Ich bin ein Bioroboter. Man lebt halt. Und dann stirbt man.
Das war die logische Konsequenz meiner Weltanschauung. Und ich akzeptierte sie. Intellektuell.
Gefühlstot
Keine Depression im klinischen Sinn. Keine Krise. Ich funktionierte ja. Ich hatte einen Job, Freunde, ein Leben.
Aber diese Weltanschauung hatte einen Preis: Sie machte mich gefühlstot.
Wenn alles nur Chemie ist, sind auch Gefühle nur Chemie. Wenn der Mensch kein Geheimnis hat, keine Seele, keine Würde jenseits des Biologischen – dann ist Liebe nur Oxytocin, Trauer nur ein Ungleichgewicht von Neurotransmittern, und der Tod eines geliebten Menschen... eine Umordnung von Materie.
Ich spürte das nicht bewusst. Aber im Rückblick sehe ich: Ich hatte etwas verloren. Etwas, das ich nicht benennen konnte.
Die Kirchensteuer
Wenn ich heute zurückdenke an das, was sich damals wie “Befreiung” anfühlte – was war es wirklich?
Die Kirchensteuer. Das war mein ehrlicher “Breakfree-Moment”. Keine tiefe philosophische Erkenntnis. Einfach: Ich wollte das Geld sparen.
Die christliche Moral war ja nie wirklich weg. Sie war irgendwie immer noch da, im Hintergrund. Ich verhielt mich nicht grundlegend anders. Ich war kein schlechterer oder besserer Mensch. Die Werte, die mir meine Grosseltern mitgegeben hatten, die waren – wie soll ich sagen – im Mutterleib aufgenommen. Sie liessen sich nicht einfach abstreifen.
Nur die Begründung war weg.
Die ersten Risse
Irgendwann, Jahre später, begannen die Risse.
Es fing mit Politik an. Mit einer Beobachtung, die mich irritierte: Der Diskurs verschob sich. Früher ging es um universelle Rechte – Menschenrechte, die für alle gelten, unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Überzeugung. Jetzt ging es zunehmend um partikuläre Gruppeninteressen. Nicht mehr: “Alle Menschen sind gleich.” Sondern: “Diese Gruppe braucht besonderen Schutz, jene Gruppe besondere Rechte.”
Ich war nicht dagegen, dass Menschen geschützt werden. Aber ich fragte mich: Was passiert, wenn Gruppeninteressen wichtiger werden als universelle Prinzipien? Wenn die Zugehörigkeit zu einer Kategorie mehr zählt als das Menschsein an sich?
Und dann: Woher kommt eigentlich diese Idee, dass jeder Mensch gleiche Würde hat? Einfach so? Von Natur aus?
Corona
Dann kam 2020. Corona. Und ich war kein Impfgegner, das vorweg. Ich habe mich impfen lassen. Aber ich beobachtete, wie mit Menschen umgegangen wurde, die sich anders entschieden.
Die Verachtung. Der Hass. Menschen wurden aus der Gesellschaft ausgestossen – nicht weil sie jemanden verletzt hatten, sondern weil sie eine andere medizinische Entscheidung trafen.
Das beunruhigte mich zutiefst.
Wenn jeder Mensch eine unendliche Würde hat – dann hat er auch das Recht, frei über seinen eigenen Körper zu entscheiden. Auch wenn andere diese Entscheidung für falsch halten. Das ist keine Frage der Epidemiologie. Das ist eine Frage der Menschenwürde.
Aber woher kam diese Überzeugung? Woher kam mein Gefühl, dass hier etwas Grundlegendes verletzt wurde – etwas, das grösser war als Infektionszahlen und Impfquoten?
Die Wurzeln der Freiheit
Ich begann zu recherchieren. Nicht über Religion – über den westlichen Liberalismus. Über die Ursprünge unserer Freiheit. Ich wollte verstehen, woher diese Werte kommen, die ich für selbstverständlich hielt: Menschenwürde, individuelle Rechte, Gleichheit vor dem Gesetz.
Ich stiess auf ein Buch: “Die Erfindung des Individuums” von Larry Siedentop.
Was ich darin las, erschütterte mein Weltbild.
Der Schock
Die Aufklärer – die ich für die Erfinder von Freiheit und Vernunft gehalten hatte – hatten ihre Ideen nicht aus dem Nichts. Sie hatten sie aus dem Christentum entnommen.
Paulus. Ausgerechnet Paulus.
Der böse Paulus. Der Vater des Patriarchats. Der Mann, der angeblich den Frauen befahl, sich ihren Männern zu unterordnen. Den hatte ich immer als Beispiel dafür gesehen, wie rückständig und frauenfeindlich das Christentum sei.
Und ausgerechnet dieser Paulus soll als Erster in der Geschichte erklärt haben, dass jeder Mensch frei ist? Dass es “nicht mehr Jude noch Grieche, nicht mehr Sklave noch Freier, nicht mehr Mann noch Frau” gibt – weil alle eins sind in Christus?
Die Universalität der Menschenwürde? Eine christliche Erfindung. Von Paulus.
Ich war fassungslos.
Aber Moment – das konnte doch nicht stimmen. In meinem Umfeld, in meiner linken Bubble, hatte ich gelernt: Die Behauptung, Menschenrechte hätten jüdisch-christliche Wurzeln, sei eine rechte These. Eine Erzählung von Konservativen, um den Islam zu diskreditieren. Wer so argumentierte, war verdächtig. Bestenfalls naiv, schlimmstenfalls ein Rassist.
Aber Siedentop war kein rechter Ideologe. Er war ein nüchterner Historiker. Und was er schrieb, liess sich nicht einfach wegwischen.
Ich begann weiter zu graben. Und fand noch mehr Lügen.
Das mit dem Patriarchat? Paulus schreibt von gegenseitiger Unterordnung, von gegenseitiger Liebe. Mann und Frau sind bei ihm gleichwertig. Aber das hatte mir niemand gesagt. Man hatte mir nur den einen Vers hingeworfen – aus dem Kontext gerissen, zur Karikatur verzerrt.
Plötzlich dämmerte mir etwas Unbequemes:
Vieles von dem, was ich glaubte, war nicht Wissen. Es war Ideologie.
Die Brille, die ich nicht sah
Siedentop öffnete mir die Augen. Aber nicht nur für die Ursprünge des Liberalismus – auch für meine eigene Verblendung.
Die Kreuzzüge? Nicht einfach “die böse Kirche”, sondern oft politisch motiviert, vom Staat gewollt. Die frühen Christen? Mussten subversiv vorgehen, konnten nicht einfach Moral durchdrücken. “Schöne Kirche habt ihr da – wäre doch schade, wenn sie morgen nicht mehr steht.” So funktionierte das Machtspiel der Antike.
Ich begann zu begreifen: Ich hatte jahrelang durch eine ideologische Brille geschaut – ohne zu merken, dass ich sie trug. Narrative, die ich für Fakten gehalten hatte. Schlussfolgerungen, die ich nie überprüft hatte. Ein Weltbild, das mir als “aufgeklärt” verkauft wurde, aber in Wahrheit genauso dogmatisch war wie das, was es zu kritisieren vorgab.
Die Bibel war nicht “einfach ein Buch”. Die Kirche war nicht “nur ein Machtinstrument”. Und ich hatte keine Ahnung gehabt.
Der Übergang
Zehn Jahre hatte ich ohne Gott gelebt. Zehn Jahre Pantheismus, Sinnsuche, Bioroboter-Existenz.
Und jetzt stand ich da, mit einem Buch in der Hand, das mir zeigte: Die Werte, die ich für selbstverständlich hielt, haben Wurzeln. Tiefe Wurzeln. Wurzeln, die ich abgeschnitten hatte.
Etwas in mir begann sich zu bewegen. Noch kein Glaube – aber eine Ahnung. Eine Frage, die nicht mehr verstummen wollte:
Was, wenn ich mich geirrt habe?
Im nächsten Teil: Was mich zurückbrachte. Ein Samstagabend, eine Entscheidung, Tränen – und ein Kreuz in Taizé.

