Ist das Christentum ein Patriarchat?
Was Paulus den Männern abverlangt, sprengt antike wie moderne Machtlogik
„Frauen, ordnet euch euren Männern unter!”
Vielleicht hast Du diesen Satz schon gehört – und sofort gedacht: Typisch. Religion unterdrückt Frauen. Das Christentum ist nichts anderes als institutionalisiertes Patriarchat.
Falls ja, kann ich das verstehen. Der Satz klingt toxisch. Und ja, er steht wirklich in der Bibel.
Dass viele Frauen diese Worte nicht als befreiend, sondern als bedrohlich erlebt haben, ist real. Diese Erfahrung darf nicht kleingeredet werden. Zu oft wurden genau diese Verse benutzt, um Macht auszuüben statt Liebe zu leben.
Aber ich habe eine Frage an Dich: Hast Du den ganzen Text gelesen?
Nicht einen Satz – sondern den vollständigen Gedankengang?
Denn was Paulus wenige Verse später den Männern abverlangt, ist so radikal, dass es die antike Welt auf den Kopf stellte – und jeden modernen Patriarchen beschämen würde.
Der vollständige Text
Bevor wir urteilen, müssen wir lesen. Nicht selektiv, sondern vollständig. Hier ist Epheser 5,21-33 – ungekürzt:
Ordnet euch einander unter; tut es aus Ehrfurcht vor Christus!
Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter! Ihr zeigt damit, dass ihr euch dem Herrn unterordnet. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, genauso wie Christus das Haupt der Gemeinde ist – er, der sie errettet und zu seinem Leib gemacht hat. Und wie die Gemeinde sich Christus unterordnet, so sollen sich auch die Frauen ihren Männern in allem unterordnen.
Und ihr Männer, liebt eure Frauen! Liebt sie so, wie Christus die Gemeinde geliebt hat: Er hat sein Leben für sie hingegeben, um sie zu seinem heiligen Volk zu machen. Durch sein Wort hat er den Schmutz ihrer Verfehlungen wie in einem reinigenden Bad von ihr abgewaschen. Denn er möchte sie zu einer Braut von makelloser Schönheit machen, die heilig und untadelig und ohne Flecken und Runzeln oder irgendeine andere Unvollkommenheit vor ihn treten kann.
Genauso sind nun auch die Männer verpflichtet, ihre Frauen zu lieben und ihnen Gutes zu tun, so wie sie ihrem eigenen Körper Gutes tun. Ein Mann, der seine Frau liebt und ihr Gutes tut, tut sich damit selbst etwas Gutes. Schliesslich hat noch nie jemand seinen eigenen Körper gehasst; vielmehr versorgen wir unseren Körper mit Nahrung und pflegen ihn, genau wie Christus es mit der Gemeinde macht – mit seinem Leib, dessen Glieder wir sind.
»Deshalb«, so heisst es in der Schrift, »wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und sich mit seiner Frau verbinden, und die zwei werden ein Leib sein.« Hinter diesen Worten verbirgt sich ein tiefes Geheimnis. Ich bin überzeugt, dass hier von Christus und der Gemeinde die Rede ist.
Doch die Aussage betrifft auch jeden von euch ganz persönlich: Jeder soll seine Frau so lieben, wie er sich selbst liebt, und die Frau soll ihrem Mann mit Ehrerbietung begegnen.
Wenn dieser Text je benutzt wurde, um Macht auszuüben statt Liebe zu leben, dann wurde er gegen seinen eigenen Inhalt gewendet.
Merkst Du etwas? Der Text beginnt nicht mit „Frauen, unterordnet euch.” Er beginnt mit: „Ordnet euch einander unter.”
Und was Paulus von den Männern verlangt, geht weit über alles hinaus, was er von den Frauen fordert.
Was „lieben wie Christus” wirklich bedeutet
Paulus sagt den Männern nicht einfach: „Seid nett zu euren Frauen.” Er sagt: „Liebt sie so, wie Christus die Gemeinde geliebt hat.”
Und wie hat Christus die Gemeinde geliebt?
Er hat sein Leben für sie hingegeben.
Christus ging ans Kreuz. Er wurde gefoltert, gedemütigt, getötet – aus Liebe zu seiner Braut, der Kirche.
Das ist der Massstab, den Paulus den Männern setzt. Nicht Herrschaft. Nicht Kontrolle. Sondern: totale Selbsthingabe. Bereitschaft zu sterben.
Das entspricht nicht dem, was wir heute unter Patriarchat verstehen. Ein Mann, der sich für seine Frau kreuzigen lassen soll, folgt einer Logik, die Machtausübung fundamental widerspricht. Ein System, das vom Mann verlangt, für die Frau zu sterben, kann nicht zugleich ein System sein, das ihn zu ihrem Herrn macht.
Kurz gesagt: Was Paulus nicht sagt
Falls Du hier kurz durchatmen willst – hier die Kernpunkte:
Keine Besitzlogik: Die Frau ist nicht Eigentum des Mannes, sondern sein eigener Leib, den er pflegen soll.
Keine Gewaltlegitimation: Das Vorbild ist Christus, der sich hingibt – nicht herrscht.
Keine Einbahn-Unterordnung: Der erste Satz lautet „Ordnet euch einander unter.”
Das Gegenteil von Patriarchat ist nicht Matriarchat. Es ist gegenseitige Hingabe und begrenzte Macht durch Verantwortung.
Ein Blick in die antike Welt
Um zu verstehen, wie revolutionär diese Worte waren, müssen wir einen Schritt zurücktreten und die Welt betrachten, in die Paulus hineinschrieb.
In der römischen Gesellschaft war die Familie keine Partnerschaft – sie war ein Machtgefüge. An der Spitze stand der Pater familias, das Familienoberhaupt. Der Historiker Larry Siedentop beschreibt das System so:
Der Pater familias hatte religiöse Autorität und „Macht über Leben und Tod” über alle Familienmitglieder. Frauen waren „bewegliche Habe”, dem Familienoberhaupt vollkommen unterworfen.
Die Familie war nicht nur eine soziale, sondern eine religiös-kultische Einheit. Der Mann war gleichzeitig Priester, Richter und absoluter Herrscher. Das Individuum – besonders die Frau – war kein eigenständiges Rechtssubjekt. Bei der Heirat verlor die Frau praktisch ihre Identität.
Das war echtes Patriarchat. Und das war die Realität, in die das Christentum hineinbrach.
Die stille Revolution
Was passierte, als das Evangelium sich ausbreitete?
Die Kirche entzog dem Pater familias seine religiöse Grundlage. Plötzlich war nicht mehr der Hausherr der Priester – sondern die Gemeinde der Ort, wo man Gott begegnete. Die Familie wurde entsakralisiert.
Und dann kam etwas, das die antike Welt noch nie gesehen hatte: Die Frühkirche bestand auf gleichen Pflichten für Mann und Frau.
Der Historiker Tom Holland schreibt in seinem Buch Dominion:
„If the wife was instructed to submit to her husband, then so equally was the husband instructed to be faithful to his wife.”
Wenn der Frau gesagt wurde, sich zu unterordnen, dann wurde dem Mann ebenso gesagt, treu zu sein.
Das klingt für uns heute selbstverständlich. Aber in der Antike war es unerhört. Treue war Frauensache. Männer konnten tun, was sie wollten. Dass ein Mann seiner Frau dieselbe Treue schuldet wie sie ihm – das war eine christliche Innovation.
Gegenseitige Unterordnung
Jetzt wird auch der erste Vers verständlich: „Ordnet euch einander unter; tut es aus Ehrfurcht vor Christus!”
Das ist keine Einbahnstrasse. Paulus beschreibt keine Hierarchie der Macht, sondern eine Hierarchie der Hingabe. Beide Partner ordnen sich unter – auf unterschiedliche Weise, aber mit derselben Grundhaltung: Selbstlosigkeit.
Die Frau wird zur Unterordnung aufgerufen – aber in einem Kontext, in dem der Mann sein Leben für sie geben soll. Der Mann wird zur Führung berufen – aber zu einer Führung nach dem Vorbild dessen, der seinen Jüngern die Füsse wusch.
Im Kolosserbrief wird Paulus noch deutlicher:
„Ihr Männer, liebt eure Frauen und seid nicht erbittert gegen sie!” (Kolosser 3,19)
Und Petrus schreibt:
„Ihr Männer, wohnt verständig mit der Frau zusammen; sie ist der schwächere Partner; achtet und ehrt sie, denn auch sie sind Erben der Gnade des Lebens.” (1. Petrus 3,7)
„Achtet und ehrt sie” – das war in der Welt des Pater familias revolutionär. Und “schwächer” meint hier nicht geringwertig, sondern sozial verletzlicher.
Warum wurde es später anders verstanden?
Wenn das alles stimmt – warum hat die Kirche dann über Jahrhunderte oft genau das Gegenteil gelebt?
Das ist eine berechtigte Frage. Und die ehrliche Antwort lautet: Weil Christen gefallene Menschen sind. Weil kulturelle Muster oft stärker waren als biblische Wahrheit. Weil Macht korrumpiert – auch in der Kirche.
Viele Frauen haben unter diesem Versagen gelitten. Ihre Wunden sind real. Und es wäre zynisch, das wegzuargumentieren.
Aber hier ist der entscheidende Punkt: Die Bibel selbst liefert den Massstab zur Kritik dieser Praxis.
Jede Unterdrückung der Frau, jede Herabwürdigung, jede Machtausübung auf ihre Kosten – all das war und ist unbiblisch. Es widerspricht dem, was Paulus hier schreibt.
Wer die Bibel benutzt, um Frauen zu unterdrücken, hat sie nicht verstanden. Oder schlimmer: er ignoriert bewusst, was dort steht.
Was das Christentum wirklich über Frauen sagt
Im christlichen Verständnis ist die Frau nicht Besitz. Nicht Dienerin. Nicht Mittel zum Zweck.
Sie ist Partnerin. Gleichwertig an Würde. Mitmensch. Miterbin des Lebens.
Und mehr noch: Sie ist so wertvoll, dass ein Mann bereit sein soll, für sie zu sterben.
Nicht sie muss sich opfern. Er muss es.
Das ist keine Unterdrückung. Das ist radikale Wertschätzung.
Eine offene Frage
Vielleicht hast Du das Christentum bisher als patriarchale Religion abgetan. Vielleicht hast Du Epheser 5 als Beweis dafür genommen.
Aber wenn Du den Text jetzt vollständig gelesen hast – im Kontext seiner Zeit, mit dem vollen Gewicht dessen, was Paulus den Männern abverlangt:
Was wäre, wenn wir Paulus beim Wort nähmen?
Was wäre, wenn Männer ihre Frauen wirklich so lieben würden, wie Christus die Gemeinde geliebt hat – bis zur Selbstaufgabe?
Wer jede Form von Unterschiedlichkeit grundsätzlich als Unterdrückung definiert, wird diesen Text nicht akzeptieren – egal, wie liebevoll er gemeint ist. Das ist eine legitime Position. Aber es ist nicht die einzig mögliche.
Für alle anderen bleibt die Frage offen: Ist das wirklich Patriarchat? Oder ist es etwas ganz anderes?
Das bedeutet nicht, dass jede konkrete Auslegung oder jede christliche Ehe diesem Ideal gerecht wird – sondern dass dieses Ideal selbst der Massstab ist, an dem alles andere scheitert.
Quellen:
Larry Siedentop: Die Erfindung des Individuums · Tom Holland: Dominion: Wie das Christentum den Westen prägte · Bibelzitate: Neuen Genfer Übersetzung (Epheser 5) und der Einheitsübersetzung.

