Was mich zurückbrachte
Teil 3 von 3: Bücher, Tränen und ein Kreuz in Taizé
Ich googelte Gottesdienste.
Das war das Seltsame an dieser Phase: Ich suchte im Internet nach Messzeiten. Immer wieder. Wochenlang. Samstags schaute ich nach, wann die Vorabendmesse war. Sonntags nach der Sonntagsmesse.
Aber ich ging nicht hin.
Irgendetwas hielt mich zurück. Etwas, das ich erst später als das erkannte, was es war: mein Ego.
Dies ist der letzte Teil einer dreiteiligen Serie über meinen Weg vom Glauben weg – und wieder zurück.
Gott ist grösser
Wochen vergingen. Ich las weiter. Nach Siedentop kamen andere Bücher, andere Quellen. Das intellektuelle Fundament wuchs.
Aber noch immer sass ich zuhause.
Die Frage, die in mir arbeitete, war keine intellektuelle mehr. Es war eine existenzielle: Kann ich mein Ego loslassen?
Denn das war es, was mich zurückhielt. Die Erkenntnis, dass Gott grösser ist als ich. Dass ich nicht das Mass aller Dinge bin. Dass meine Meinungen, meine Urteile, mein Weltbild – vielleicht nicht das Endgültige waren.
Das ist keine leichte Erkenntnis. Nicht für jemanden, der zehn Jahre lang ohne Gott gelebt hat.
Der Samstagabend
Und dann kam dieser eine Samstagabend.
Ich weiss nicht mehr, was genau den Ausschlag gab. Vielleicht ein Satz aus einem Buch. Vielleicht einfach die Summe von allem, was sich angestaut hatte. Aber an diesem Abend sagte ich – laut, zu mir selbst:
“Ich gehe in die Messe.”
Und dann brach es aus mir heraus.
Ich heulte. Heulte wie ein Schlosshund. Keine stille Träne, kein Schluchzen – ich heulte, wie ich seit Jahren nicht mehr geheult hatte. Es war, als würde etwas in mir brechen, das viel zu lange gehalten hatte.
Es war Befreiung.
Ich ging schlafen. Und am nächsten Morgen ging ich in die Messe.
Wie schön sie ist
Zehn Jahre war ich nicht mehr in einer katholischen Kirche gewesen. Zehn Jahre.
Und dann sass ich da. In der Bank. Und alles kam zurück.
Die Gesten. Die Worte. Die Abläufe. Ich wusste noch, wann man aufsteht, wann man kniet, wann man antwortet. Der Körper erinnerte sich, auch wenn der Kopf es vergessen hatte.
Aber was mich am meisten traf, war etwas anderes:
Wie schön sie ist.
Die Liturgie. Die Stille. Der Moment der Wandlung. Der Priester, der den Kelch erhebt. Die Glocken. Der Weihrauch.
Ich hatte vergessen, wie schön das alles ist. Wie sorgfältig. Wie ehrfürchtig.
Ich war zuhause.
Der Weg danach
Von diesem Tag an begann ich ernsthaft zu lesen. Die Bibel. Nicht mehr als Kritiker, sondern als Suchender. Ich kaufte Studienbibeln – die Edition C von Gerhard Maier, die Stuttgarter Studienbibel, die MacArthur-Bibel.
Ich schaute Exegese-Videos von Prof. Dr. Jacob Thiessen auf YouTube. Dort lernte ich, was Hermeneutik ist – die Kunst, die Bibel richtig zu lesen. Ich ging zu Bibelstudien, auch bei Freikirchen. Ich nutzte sogar KI, um mir komplexe Zusammenhänge erklären zu lassen.
Ich war hungrig. Hungrig nach Wissen. Hungrig nach Wahrheit.
Was ich über die Kirche nicht wusste
Je mehr ich las, desto mehr entdeckte ich, wie viel ich nicht gewusst hatte.
Dass die Kirche nicht überdurchschnittlich Kinder missbraucht hatte – der Missbrauch war in der gesamten Gesellschaft verbreitet, in Schulen, Sportvereinen, Familien. Die Kirche hatte ein Problem – aber nicht das einzige, und nicht das grösste.
Dass der Kanon nicht manipuliert war. Die Bücher der Bibel wurden nicht von machthungrigen Bischöfen willkürlich ausgewählt, sondern in einem langen Prozess erkannt – nicht erfunden.
Dass die Bibel nicht falsch übersetzt ist. Die Übersetzungstraditionen sind akribisch, wissenschaftlich überprüfbar, transparent.
Dass die Kreuzzüge nicht einfach “die böse Kirche” waren, sondern komplexe politische Ereignisse, oft vom Staat gewollt.
All die “Fakten”, die ich über die Kirche zu wissen geglaubt hatte – sie waren Halbwahrheiten. Karikaturen. Lügen, die ich nie hinterfragt hatte.
Das Alte Testament
Besonders das Alte Testament hatte ich missverstanden.
Ich hatte gedacht, es sei nur ein Regelwerk. Patriarchale Gesetze. Brutale Geschichten. Aber jetzt sah ich es anders:
Manche Geschichten sind beschreibend, nicht vorschreibend. Die Bibel erzählt, was Menschen taten – nicht immer, was sie tun sollten.
Die schlimmen Geschichten? Sie zeigen fast immer, was passiert, wenn Menschen Gott ablehnen. Und sie zeigen auch: Gott rettet. Immer wieder. Er ist barmherzig.
Das Buch Hiob traf mich besonders. Diese alte Geschichte über Leid und Gerechtigkeit. Hiob klagt Gott an – und Gott antwortet nicht mit einer Erklärung. Er antwortet mit einer Frage: “Wo warst du, als ich die Erde gründete?”
Die Botschaft: Wir Menschen wissen nicht alles. Wir können nicht recht richten. Gott schon.
Das war demütigend. Und befreiend.
Die Beichte
Neun Monate nach meiner ersten Messe ging ich zur Beichte.
Es war nicht spontan. Ich hatte mich vorbereitet. Hatte Videos geschaut – unter anderem von Bischof Stefan Oster über das Sakrament der Versöhnung. Ich kannte den Ablauf noch aus meiner Kindheit, aber ich wollte verstehen, was ich tat.
Und dann sass ich da. Im Beichtstuhl. Nach zehn Jahren.
Es war erleichternd. Nicht peinlich, nicht bedrückend – erleichternd. Wie eine Last, die abfällt. Wie frische Luft nach langer Zeit in einem stickigen Raum.
Taizé
Im Oktober desselben Jahres fuhr ich nach Taizé. Die ökumenische Gemeinschaft in Frankreich. Ich hatte schon früher davon gehört, aber nie hingefahren.
Taizé feiert jede Woche die Osterliturgie. Jeden Freitagabend wird der Karfreitag begangen. Es ist kein trauriger Gottesdienst – es ist eine Anbetung.
An diesem Abend standen die Menschen auf und gingen nach vorne, zum Kreuz. Schon als die ersten aufstanden, spürte ich etwas in mir. Einen Zug. Einen Drang mitzugehen.
Und irgendwann lag ich dort. Neben dem Kreuz. Mit Hunderten anderen. In Stille.
Was dann passierte, möchte ich nicht im Detail beschreiben – solche Erfahrungen sind sehr persönlich, und ich will sie nicht banalisieren. Aber ich sage so viel:
Ich spürte die Anwesenheit des Heiligen Geistes. Sehr intensiv.
Es dauerte Stunden, das zu verarbeiten. Aber von diesem Moment an wusste ich: Das ist wahr. Der Glaube ist nicht nur eine schöne Idee. Er ist real.
Auf dem Heimweg
Die Fahrt von Taizé zurück in die Schweiz dauert Stunden. Ich hörte Podcasts. Und per Zufall – oder war es Zufall? – landete ich bei einer Folge von “Ben Ungeskriptet”.
Der Gast: Johannes Hartl.
Ein katholischer Theologe. Charismatisch, aber nicht laut. Intellektuell, aber nicht kalt. Er sprach über Glaube auf eine Weise, die mich sofort fesselte.
Nach dem, was ich gerade in Taizé erlebt hatte, war das wie eine Bestätigung. Eine intellektuelle Unterfütterung dessen, was ich emotional gespürt hatte. Ich begann, seine Vorträge zu hören. Die “Logos”-Reihe. Eins, zwei, drei. Ich konnte nicht aufhören.
Alles, was er sagte, ergab Sinn. Der Glaube war nicht nur wahr – er war auch vernünftig.
Warum katholisch?
Manche fragen mich: Warum katholisch? Warum nicht evangelisch, nicht freikirchlich?
Die Antwort ist persönlich: Kontemplation.
Ich brauche Stille. Ich brauche Mystik. Ich brauche die Eucharistie – dieses Geheimnis, dass Jesus wirklich da ist, in Brot und Wein. Ich brauche den Weihrauch, die Liturgie, die Jahrtausende alte Tradition.
Ich gehe auch mal in freikirchliche Gottesdienste, schaue mir an, wie andere ihren Glauben leben. Viele Freikirchen sind fromm, lebendig, ernst im Glauben. Aber für mich persönlich ist es oft zu laut, zu charismatisch. Das liegt nicht an ihnen – das liegt an mir. Ich bin einfach jemand, der in der Stille betet.
Der Katholizismus gibt mir das. Die grossen Kirchen. Der klare Weg zum Kreuz. Die Kirchenväter, die über Jahrhunderte nachgedacht, gestritten und präzisiert haben. Die Gewissheit, dass die Messe in Zürich dieselbe ist wie in Rom oder Manila.
Mystisch. Wunderschön. Für mich das Zuhause, das ich gesucht hatte.
Der Unterschied zu früher
Als Kind glaubte ich, weil alle glaubten. Als Ministrant folgte ich den Ritualen, ohne sie zu verstehen.
Heute ist das anders.
Heute verstehe ich, warum ich glaube. Ich kenne die Argumente, die Geschichte, die Philosophie. Ich weiss, was Scholastik ist. Ich habe die Kirchenväter gelesen. Ich kann erklären, warum die Bibel kein Märchenbuch ist.
Früher war mein Glaube wie ein Haus auf Sand. Ein Sturm – ein paar kritische Fragen – und es brach zusammen.
Heute ist das Fundament aus Stein.
An Skeptiker und Suchende
Wenn du bis hierher gelesen hast – vielleicht bist du selbst ein Skeptiker. Jemand, der mit dem Glauben abgeschlossen hat. Oder jemand, der nie angefangen hat.
Ich verstehe das. Ich war zehn Jahre lang einer von euch.
Aber ich habe etwas gelernt:
Wir können nicht alles beweisen. Trotzdem kann Unbeweisbares wahr sein.
Die Existenz von Liebe lässt sich nicht beweisen – nur erleben. Die Würde des Menschen lässt sich nicht messen – nur anerkennen. Die Frage, warum es überhaupt etwas gibt statt nichts, hat die Wissenschaft nie beantwortet – und wird sie nie beantworten.
Das bedeutet nicht, dass der Glaube irrational ist. Es bedeutet, dass die Vernunft Grenzen hat. Und dass jenseits dieser Grenzen etwas wartet.
Eine Einladung
Dieser Text will dich nicht überreden. Nicht manipulieren. Nicht unter Druck setzen.
Aber er will dich einladen.
Setz dich ernsthaft mit dem Glauben auseinander. Nicht mit dem Zerrbild, das du vielleicht kennst – sondern mit dem Original. Lies die Kirchenväter. Hör Johannes Hartl. Schlag die Bibel auf, nicht als Kritiker, sondern als Fragender.
Und wenn du dann immer noch nicht glaubst – fair enough. Die Entscheidung liegt bei dir.
Aber räum die Ausreden aus dem Weg. Prüf, ob das, was du über das Christentum zu wissen glaubst, wirklich stimmt. Denn vieles davon – ich spreche aus Erfahrung – ist schlicht falsch.
Unser freies Europa wäre ohne das Christentum nicht möglich. Die Werte, die du verteidigst – Würde, Freiheit, Gleichheit – haben Wurzeln. Tiefere Wurzeln, als du vielleicht denkst.
Und vielleicht, nur vielleicht, wartet am Ende dieser Suche nicht nur eine Idee.
Sondern jemand.


Wie wunderbar. Ich feiere Deine Geschichte und dadurch Gottes Treue. Danke für diese tolle Darstellung.