Wie ich den Glauben verlor
Teil 1 von 3: Vom Ministrant zum Kirchenaustritt
Ich war kein Rebell. Kein wütender Jugendlicher, der gegen fromme Eltern aufbegehrte. Ich war Ministrant. Bis ich sechzehn war, stand ich regelmässig am Altar, schwenkte das Weihrauchfass und kannte jeden Handgriff der Liturgie.
Meine Grosseltern waren erzkatholisch. Sie hatten sich während des Zweiten Weltkriegs kennengelernt – als Kinder. Als die Bomben der Alliierten näher kamen, brachte die katholische Kirche sie aufs Land in Sicherheit. Ein Kinderschutzprogramm, mitten im Chaos des Krieges. Dort, in der Evakuierung, lernten sie sich kennen. Der Glaube war für sie kein Hobby. Er war das, was sie durch den Krieg getragen hatte. Und diese Ernsthaftigkeit prägte unsere Familie: Tischgebet, Frömmigkeit, die Messe am Sonntag.
Ich mochte das. Wirklich.
Dies ist Teil 1 einer dreiteiligen Serie über meinen Weg vom Glauben weg – und wieder zurück.
Was mir am Glauben gefiel
Den Religionsunterricht hatte ich bei einer Ordensschwester. Er war nicht langweilig, nicht moralisierend – er hat mir gefallen. Ich sang im Kirchenchor, zwar im reformierten, weil es keinen katholischen gab, aber ich war dabei. Ich fuhr auf christliche Skilager. Der Glaube war Teil meines Lebens, so selbstverständlich wie Schule und Freunde.
Was ich besonders liebte: den katholischen Mystizismus. Diese Ahnung, dass hinter den Ritualen etwas Grösseres liegt. Das Geheimnisvolle der Eucharistie. Der Weihrauch, der aufsteigt. Die Stille vor dem Tabernakel.
Dann kam ICF.
Zu laut, zu intensiv
Mit sechzehn fingen viele meiner Freunde an, in die ICF-Gottesdienste zu gehen. Für die, die es nicht kennen: ICF ist eine Freikirche mit lauter Musik, emotionalen Predigten und einer Energie, die an ein Rockkonzert erinnert.
Meine Freunde waren begeistert. Ich nicht.
Es war mir zu laut. Zu intensiv. Zu viel Halleluja-Geschrei und zu wenig Stille. Ich vermisste die Kontemplation, die mich als Ministrant so berührt hatte. ICF fühlte sich an wie Religion mit Verstärker – und ich wollte einfach nur Ruhe vor dem Kreuz.
Aber plötzlich war ich allein.
Fragen ohne Antworten
Die Freunde, mit denen ich über Gott hätte reden können, waren jetzt alle bei ICF. Und ich hatte niemanden, der mir bei meinen Fragen half.
Denn Fragen hatte ich. Schwere Fragen.
Warum lässt Gott Leid zu?
Diese Frage kam nicht aus Büchern. Sie kam aus den Nachrichten. Aus dem Gesicht meiner Grossmutter, als sie vom Krieg erzählte. Aus den Bildern von Kindern in Trümmern, von Müttern, die ihre Söhne begraben.
Wenn Gott allmächtig ist – warum greift er nicht ein? Wenn er gut ist – warum schweigt er? Und wenn er weder eingreift noch spricht – ist er dann überhaupt da?
Ich kannte den Begriff “Theodizee” damals nicht. Aber ich kannte das Gewicht der Frage. Sie sass in meinem Magen. Sie liess mich nachts wach liegen. Und niemand konnte sie mir beantworten.
Die Ordensschwester war nicht mehr da. Die Freunde bei ICF hatten Antworten, die zu schnell kamen, zu glatt klangen. Und in meinem Umfeld wurde Glaube zunehmend... uncool.
Als Christ war man komisch
Ich studierte Informatik. Ein rationales Fach. Logik, Algorithmen, beweisbare Wahrheiten. Und in diesem Umfeld war Glaube etwas für Naive. Etwas für Leute, die es nicht besser wussten.
Als Christ war man komisch.
Ich sage das nicht als Ausrede – aber es war Realität. Der gesellschaftliche Druck war real. In meiner Bubble, einer linken, progressiven Bubble, war Religionskritik Standard. Die Kirche? Ein Machtinstrument. Die Bibel? Patriarchale Unterdrückung. Die Priester? Kinderschänder.
Die ersten Missbrauchsberichte kamen damals hoch. Und ich wusste nicht, wie ich das einordnen sollte.
Jesus, der Lifestyle-Coach
Irgendwann begann ich, den Glauben durch diese Brille zu sehen. Das Alte Testament? Nur brutale Geschichten, benutzt von religiösen Führern, um Menschen zu kontrollieren. Patriarchisch. Veraltet.
Und Jesus?
Ich fing an zu denken, dass er vielleicht einfach ein cleverer Typ war. Ein Lifestyle-Coach seiner Zeit. Der wusste halt, wie man viele Brote auftreibt – Brotvermehrung als logistisches Talent, nicht als Wunder.
Wunder? Die glaubte ich nicht mehr.
Ich hatte aufgehört, der Bibel mit Offenheit zu begegnen. Stattdessen sah ich überall nur Manipulation, Macht und Aberglauben.
Die linke Bubble
Ich rutschte tiefer in eine bestimmte Weltanschauung. Links, progressiv, anti-religiös. Ich dachte, diese Leute hätten die Antworten. Sie wollten Gerechtigkeit, Gleichheit, Fortschritt. Das klang gut. Das klang richtig.
Dass dieses Weltbild keinen Platz für Gott hatte – nun, das war eben der Preis der Aufklärung. Religion war Geschichte. Wir waren weiter.
Mit 23 trat ich aus der Kirche aus.
Der Austritt
Es war 2015. Ich schrieb einen Brief, schickte ihn ab, wartete auf die Bestätigung. Keine Kirchensteuer mehr. Fertig.
Als die Antwort kam, stand am Ende ein Satz: “Sollten Sie wieder das Bedürfnis nach Gott haben, dürfen Sie sich jederzeit melden.”
Ich musste verschmitzt lachen. Keine Sorge, dachte ich. Das kommt nie.
Es war mehr ein bürokratischer Akt als ein emotionaler Moment. Ein Strich unter etwas, das schon lange nicht mehr lebendig war. Der Glaube war langsam gestorben – an unbeantworteten Fragen, an fehlenden Gesprächspartnern, an einer Gesellschaft, die mir sagte, dass ich ohne Gott besser dran wäre.
Ich glaubte das.
Zehn Jahre lang.
Was ich damals nicht suchte
Heute, mit dem Abstand von einer Dekade, sehe ich manches anders.
Nicht alles. Ich habe immer noch Fragen. Aber ich sehe, dass ich damals nicht wirklich gesucht habe. Ich hatte Einwände – aber ich hatte nie geprüft, ob jemand sie schon beantwortet hatte. Ich hatte ein Bild von der Kirche – aber ich hatte nie gefragt, ob es stimmte.
Es gab eine jahrhundertealte Tradition des Nachdenkens über genau die Fragen, die mich beschäftigten. Es gab Kirchenväter, die gerungen hatten, gezweifelt hatten, argumentiert hatten. Aber niemand hatte mir davon erzählt. Und ich hatte nicht danach gefragt.
Das sollte ich erst viel später tun.
Im nächsten Teil: Zehn Jahre ohne Gott. Pantheismus, Sinnsuche – und die schleichende Erkenntnis, dass irgendetwas nicht stimmt.


Hey, bei mir war's ähnlich. Auch katholisch aufgewachsen, hab's aber immer nur als Zwang erlebt. So wie ich konnte, bin ich aus der Kirche ausgetreten. Jesus hat dann mehr als zwanzig Jahre an meine Tür geklopft, bevor ich sie dann öffnen konnte. 2014, da war ich 47 und voll in der Midlife Crisis, hat er mich zur Bibel und dann in eine Pfingstgemeinde geführt. Tja, da bin ich immer noch. Ich kann gut nachvollziehen, was du mit "zu laut" meinst, ich selbst brauche auch viel stille Zeit.