Das Nizänum als Schutzschild
Wie du mit einem 1700 Jahre alten Bekenntnis erkennst, was Christentum wirklich ist
Du sitzt in einem Gottesdienst. Der Prediger spricht über Jesus – leidenschaftlich, eloquent, bewegend. Dann fällt der Satz:
“Jesus war ein grossartiger Lehrer. Ein Vorbild der Liebe. Aber die Auferstehung? Das ist eine Metapher. Eine spirituelle Wahrheit, keine historische.”
Du zuckst zusammen. Irgendetwas stimmt nicht. Aber was genau? Und woher weisst du, dass es falsch ist – und nicht einfach eine andere, vielleicht sogar “aufgeklärtere” Form des Christentums?
Für wen ist dieser Text?
Vielleicht bist du Christ und fragst dich, ob deine Gemeinde noch das lehrt, was Christen immer geglaubt haben.
Vielleicht bist du Skeptiker und hast das Christentum längst abgehakt – als unwissenschaftlich, veraltet oder irrelevant.
Dieser Text ist für beide.
Denn bevor wir darüber streiten, ob das Christentum wahr ist, sollten wir klären, was es eigentlich behauptet. Nicht die verwässerte Version. Nicht die Karikatur. Sondern das Original.
Egal ob du am Ende zustimmst oder ablehnst – du verdienst Klarheit darüber, was du annimmst oder verwirfst.
Die Warnung des Paulus
Schon in der allerersten Generation der Kirche gab es Menschen, die das Evangelium verdrehten. Die Reaktion des Apostels Paulus war alles andere als diplomatisch:
Jedoch, auch wenn wir selbst oder ein Engel vom Himmel euch ein anderes Evangelium verkündeten als das, das wir verkündet haben – er sei verflucht. Was ich gesagt habe, das sage ich noch einmal: Wer euch ein anderes Evangelium verkündet im Widerspruch zu dem, das ihr angenommen habt – er sei verflucht.
— Galater 1,8–9
Verflucht. Das ist ein starkes Wort. Paulus verwendet es nicht leichtfertig.
Seine Botschaft ist klar: Es gibt ein echtes Evangelium – und es gibt Fälschungen. Die Fälschungen mögen gut klingen, aber sie sind nicht dasselbe.
Aber wie unterscheidest du das eine vom anderen? Wer entscheidet, was “echt” ist?
Die frühe Kirche stand vor genau dieser Frage. Und sie fand eine Antwort.
Ein Dokument aus dem Jahr 325
Im Jahr 325 nach Christus versammelten sich über 300 Bischöfe in der Stadt Nizäa, in der heutigen Türkei. Der Anlass war eine Krise.
Ein Theologe namens Arius lehrte, Jesus sei nicht wirklich Gott, sondern das erste und höchste Geschöpf – eine Art Halbgott, göttlich vielleicht, aber nicht wahrer Gott vom wahren Gott.
Die versammelten Bischöfe erkannten: Wenn das stimmt, bricht alles zusammen. Wenn Jesus nicht Gott ist, kann er nicht erlösen. Wenn er ein Geschöpf ist, beten Christen ein Geschöpf an – und das wäre Götzendienst.
Also formulierten sie ein Bekenntnis. Zeile für Zeile, Wort für Wort. Jeder Satz war eine Klarstellung: Das ist es, was Christen glauben – und das ist es, was sie nicht glauben.
Das Ergebnis war das Nizänische Glaubensbekenntnis. Es ist bis heute der ökumenische Minimalkonsens aller grossen christlichen Traditionen – katholisch, orthodox, protestantisch.
Ein berechtigter Einwand
Du könntest jetzt fragen: Warum sollte mich ein Konzil aus dem 4. Jahrhundert interessieren? Was haben ein paar alte Bischöfe mit meinem Leben zu tun?
Das ist eine faire Frage. Hier ist meine Antwort:
Das Nizänum ist nicht deshalb relevant, weil es alt ist. Es ist relevant, weil es zeigt, was Christen von Anfang an geglaubt haben – nicht die Meinung einer Epoche, sondern der Konsens aller Epochen.
Wenn du wissen willst, was das Christentum wirklich behauptet, ist dieses Dokument der beste Startpunkt. Es ist älter als jede Konfession, anerkannt von allen grossen Traditionen, formuliert von Menschen, die näher an den Ursprüngen waren als wir.
Du musst dem Nizänum nicht zustimmen. Aber wenn du es ablehnst, weisst du zumindest, was du ablehnst.
Das Bekenntnis im Wortlaut
Hier ist das Nizänum in voller Länge:
Wir glauben an den einen Gott,
den Vater, den Allmächtigen,
der alles geschaffen hat,
Himmel und Erde,
die sichtbare und die unsichtbare Welt.Und an den einen Herrn Jesus Christus,
Gottes eingeborenen Sohn,
aus dem Vater geboren vor aller Zeit:
Gott von Gott, Licht vom Licht,
wahrer Gott vom wahren Gott,
gezeugt, nicht geschaffen,
eines Wesens mit dem Vater;
durch ihn ist alles geschaffen.Für uns Menschen und zu unserm Heil
ist er vom Himmel gekommen,
hat Fleisch angenommen
durch den Heiligen Geist
von der Jungfrau Maria
und ist Mensch geworden.Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus,
hat gelitten und ist begraben worden,
ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift
und aufgefahren in den Himmel.
Er sitzt zur Rechten des Vaters
und wird wiederkommen in Herrlichkeit,
zu richten die Lebenden und die Toten;
seiner Herrschaft wird kein Ende sein.Wir glauben an den Heiligen Geist,
der Herr ist und lebendig macht,
der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht,
der mit dem Vater und dem Sohn
angebetet und verherrlicht wird,
der gesprochen hat durch die Propheten,
und die eine, heilige, katholische
und apostolische Kirche.Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden.
Wir erwarten die Auferstehung der Toten
und das Leben der kommenden Welt.Amen.
Jeder Satz in diesem Bekenntnis wurde sorgfältig gewählt. Jeder Satz macht eine klare Aussage – und schliesst bestimmte Alternativen aus. Lass mich dir zeigen, was das Nizänum bejaht und was es verneint.
Zehn Behauptungen auf dem Prüfstand
1. “Jesus war ein grosser Lehrer, aber nicht Gott”
Das Nizänum sagt: “Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater.”
Jesus ist nach christlichem Verständnis nicht einfach ein erleuchteter Mensch oder der beste aller Propheten. Er ist Gott selbst – derselben Substanz wie der Vater. Wer das anders sieht, vertritt eine Position, die Christen seit dem 4. Jahrhundert als nicht-christlich erkannt haben.
2. “Die Auferstehung ist eine Metapher”
Das Nizänum sagt: “Ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift.”
Nicht: “lebt in unseren Herzen weiter”. Nicht: “seine Botschaft ist unsterblich”. Sondern: auferstanden. Am dritten Tag. Ein Ereignis in Raum und Zeit.
Paulus schrieb: “Ist Christus nicht auferweckt worden, dann ist euer Glaube nutzlos” (1 Korinther 15,17). Das Christentum steht und fällt mit der leiblichen Auferstehung. Das ist kein Nebenschauplatz – das ist das Zentrum.
3. “Es gibt keinen persönlichen Gott”
Das Nizänum sagt: “Den Vater, den Allmächtigen.”
Der Gott des Christentums ist nicht eine unpersönliche Kraft, keine kosmische Energie, kein “Universum, das uns liebt”. Er ist Vater – ein persönliches Gegenüber, das handelt, spricht und liebt. Das unterscheidet ihn fundamental vom vagen Spiritualismus unserer Zeit.
4. “Alle Religionen führen zu Gott”
Das Nizänum sagt: “Wir glauben an den einen Gott... und an den einen Herrn Jesus Christus... durch ihn ist alles geschaffen.”
Jesus ist nach christlichem Verständnis nicht ein Weg unter vielen. Er ist der Schöpfer selbst. Das Bekenntnis lässt keinen Raum für die Idee, dass alle religiösen Wege gleichwertig sind. Ob das arrogant klingt oder nicht – es ist das, was Christen behaupten.
5. “Die Jungfrauengeburt ist ein Mythos”
Das Nizänum sagt: “Hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria.”
Biologisch unmöglich? Ja – genau das ist der Punkt. Die Inkarnation war ein übernatürliches Eingreifen Gottes in die Geschichte. Das Christentum behauptet, dass Gott Mensch wurde. Das ist entweder wahr oder falsch – aber es ist nicht verhandelbar.
6. “Sünde ist nur ein soziales Konstrukt”
Das Nizänum sagt: “Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden.”
Wenn Sünde nur ein Konstrukt ist, braucht niemand Vergebung. Dann ist die Taufe sinnlos. Dann ist das Kreuz überflüssig.
Aber das Bekenntnis sagt: Wir brauchen Vergebung. Etwas ist fundamental zerbrochen zwischen uns und Gott – und es braucht mehr als Selbstoptimierung, um es zu heilen.
7. “Es gibt keine Hölle und kein Gericht”
Das Nizänum sagt: “Wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten.”
Jesus ist nicht nur der sanfte Hirte. Er ist auch der Richter. Das Gericht ist keine mittelalterliche Erfindung – es gehört zum urchristlichen Bekenntnis.
Das klingt bedrohlich. Aber es hat auch eine tröstliche Seite: Taten haben Konsequenzen. Unrecht wird nicht ewig siegen. Am Ende geschieht Gerechtigkeit.
8. “Der Heilige Geist ist eine Energie, keine Person”
Das Nizänum sagt: “Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht... der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird.”
Der Geist ist nicht “die Macht” aus Star Wars. Er ist Herr. Er wird angebetet – gleichwertig mit Vater und Sohn. Das ist Trinität: drei Personen, ein Gott. Kompliziert? Ja. Aber das ist die christliche Behauptung.
9. “Kirche braucht man nicht – Glaube ist privat”
Das Nizänum sagt: “Und die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche.”
Das Bekenntnis kennt keinen Privatglauben. Es kennt nur die Kirche – die eine, universale (”katholische” im ursprünglichen Wortsinn) Gemeinschaft der Glaubenden. Glaube ist keine Einzelsportart. Du brauchst andere, die dich korrigieren, ermutigen und tragen.
10. “Nach dem Tod ist alles vorbei”
Das Nizänum sagt: “Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.”
Das Christentum ist keine Religion der Resignation. Es ist eine Religion der Hoffnung. Der Tod ist nicht das Ende. Es gibt eine kommende Welt – und wir sind eingeladen, daran teilzuhaben.
Warum das heute wichtig ist
Vielleicht denkst du: Das sind alte Debatten. Wer glaubt heute noch an Arius?
Mehr Menschen, als du vielleicht denkst.
Alisa Childers, die selbst eine progressive Gemeinde durchlief, beobachtet:
Viele progressive Christen rezitieren die Apostolischen und Nizänischen Glaubensbekenntnisse aus Respekt vor der Tradition, aber oft interpretieren sie um, was die Doktrinen und Worte bedeuten.
Sie sprechen die Worte – aber meinen etwas völlig anderes. Die Auferstehung wird zur Metapher. Die Gottheit Christi zur “besonderen Beziehung zu Gott”. Das Gericht zum “kosmischen Umarmen”.
J. Gresham Machen, ein Theologe des frühen 20. Jahrhunderts, brachte es auf den Punkt:
Die liberale Theologie hat alles aufgegeben, was das Christentum zum Christentum macht. Was übrig bleibt, ist keine Reform des Christentums – es ist eine andere Religion.
Das Nizänum ist kein Gefängnis für den Glauben. Es ist ein Massstab. Es hilft dir zu erkennen, ob das, was dir als “Christentum” verkauft wird, tatsächlich das ist, was Christen seit 1700 Jahren glauben – oder etwas ganz anderes.
Die eigentliche Frage
Bisher haben wir über Geschichte und Definitionen gesprochen. Aber jetzt wird es persönlich.
Denn das Nizänum ist nicht nur ein theologisches Dokument. Es macht Aussagen, die dein Leben betreffen – wenn sie wahr sind.
Was, wenn der Tod nicht das Ende ist?
Das Bekenntnis sagt: Wir erwarten die Auferstehung der Toten. Nicht als Metapher. Als Realität. Wenn das stimmt, ändert es alles. Dann ist der Tod nicht das letzte Wort. Dann gibt es Hoffnung jenseits des Grabes.
Was, wenn es Vergebung gibt?
Vielleicht trägst du etwas mit dir, das dich belastet. Schuld, Scham, Versagen. Das Bekenntnis sagt: Es gibt Vergebung. Nicht weil du sie verdienst, sondern weil Gott sie schenkt. Wenn das stimmt, musst du die Last nicht allein tragen.
Was, wenn du nicht allein bist?
Vielleicht fühlst du dich manchmal verloren in einem gleichgültigen Universum. Das Bekenntnis sagt: Es gibt einen persönlichen Gott, der dich kennt. Nicht als kosmische Energie, sondern als Vater. Wenn das stimmt, bist du nicht zufällig hier.
Das sind keine abstrakten theologischen Spitzfindigkeiten. Das sind existenzielle Fragen. Fragen, die jeder Mensch irgendwann stellt – ob laut oder leise.
Die Einladung
Ich will dich nicht zu irgendetwas zwingen. Zwang ist das Gegenteil von Glauben.
Aber ich lade dich ein, ehrlich zu prüfen.
Wenn du Christ bist: Wird in deiner Gemeinde das Nizänum geglaubt? Nicht nur rezitiert, sondern geglaubt? Ist Jesus dort wirklich Gott – oder nur ein inspirierender Lehrer? Ist die Auferstehung dort ein Ereignis in der Geschichte – oder eine schöne Geschichte?
Wenn du Skeptiker bist: Lehnst du das echte Christentum ab? Oder nur eine Karikatur davon? Das Nizänum zeigt dir, was Christen tatsächlich glauben – nicht die weichgespülte Version, sondern den Kern.
Du kannst diesen Glauben ablehnen. Das ist dein Recht. Aber dann weisst du wenigstens, was du ablehnst.
Und du kannst ihn annehmen. Nicht blind, nicht unter Druck – sondern weil du geprüft hast und gefunden hast, dass er wahr ist.
Das Bekenntnis steht offen vor dir.
Was wäre, wenn es stimmt?
Quellen:
Childers, Alisa: Another Gospel (2020) · Machen, J. Gresham: Christianity and Liberalism (1923) · Olson, Roger E.: Against Liberal Theology (2022)


Ihr vergesst die Jordan-Taufe! Die Epiphanie. Die Tatsache, dass sich das Christuswesen erst bei der Taufe mit dem 30-jährigen Jesus von Natareth verbunden hat (die Taube ist das Bild dafür). Nicht 30 Jahre früher. Erst nach der Taufe wird er vom Geist in die Wüste geführt (Markus 1,12), vom Widersacher versucht (Matth 4), schart er Jünger um sich (Joh 1,37 ff), beginnt zu lehren (Lukas 4,14) und zu heilen (Lukas 4,31) etc. Die ersten 30 Jahre gibt es noch keinen "Jesus Christus". Erst nach der Jordantaufe für 3 Jahre bis zur Kreuzigung kann man von "Jesus Christus" reden. (Länger als diese 3 Jahre hätte diese Verbindung gar nicht bestehen können.) Das ist ja auch der Grund, warum von den ersten 30 Jahren so wenig in den Evangelien steht.
Hätten die Kirchen und die Theologen das nicht so vermischt, wären vielleicht in den vergangenen Jahrzehnte nicht ganz so viele Menschen ausgetreten. Ich halte es für sehr ungeschickt, dass die Namen "Jesus", "Christus", "Gott" so undifferenziert verwendet werden, und erst recht, dass Jesus von Nazareth nicht als der Christus-Träger erkannt wird.
Unser Erlöser ist der Christus! Darum heißen wir "Christen" (und nicht "Jesuten"), und die Religion heißt Christentum (und nicht Jesus-tum). Ist das so schwierig zu verstehen?!